Dein Freund – Blog
Die erste TierBeschützerorganisation der Welt

                          

Ich war letztens bei meinen Eltern zu Besuch, was nicht mehr so häufig vorkommt, seitdem mich mein Studium auf die andere Seite von Deutschland verschlagen hat. Und da fragte mich meine Mutter unvermittelt, ob dieses Kaninchen, das meine Eltern vor zwei Jahren gekauft hatten, um es uns als Weihnachtsbraten vorzusetzen, noch immer bei mir wohnen würde? Und ich immer noch der Auffassung wäre, dieses Kaninchen sei mein Freund? Ich antwortete rhetorisch: „Klar ist es mein Freund. Was soll es denn sonst sein?“ Und dann stand ich im Flur meines Elternhauses und habe über die Frage meiner Mutter nachgedacht. Ich dachte daran, dass meine Mutter mittlerweile über sechzig ist und damit einer anderen Generation angehört. Plötzlich dachte ich, meine Generation ist wie eine Sanduhr, bei der sich kontinuierlich der Rieselwiderstand erweitert, während der meiner Eltern von Jahr zu Jahr kleiner wird; dass unsere Kultur große Schritte macht und die älteren Menschen gar nicht mehr hinterherkommen. Dann dachte ich darüber nach, wie die Welt 2020 wohl aussehen wird?

Beim Abendessen, als ich nachdenklich in meinem Gemüse herumstocherte, fragte mich meine Mutter, als würde sie an die Frage vom Nachmittag anknüpfen, ob ich nicht einsehen könnte, dass Fleisch schon immer gegessen und ein Weihnachtsbraten zur menschlichen Tradition gehören würde? Ich saß auf meinem Stuhl, hielt meine Gabel in der Hand und dachte, dass was einer besseren Welt im Weg steht, sind veraltete Traditionen. Dann sagte ich meiner Mutter ohne Umschweife, dass ich auf ihre Traditionen gerne verzichten könnte. Dass der Supermarkt voll von Obst und Gemüse und was weiß ich sonst noch wäre und es kulturell nicht mehr zeitgemäß ist, jemandem einem Pfeil in den Kopf zu jagen.  Meine Mutter schwieg und mein Vater meinte, „solang du deine Füße unter meinem Tisch …,“ brach dann aber ab, weil er sich selber blöd dabei vorkam. Ich dachte an dieses Sprichwort, wie man in den Wald ruft, so schalt es auch wieder raus, dass sich Frieden nur mit Frieden erzeugen lässt und dass so lange wir Kühen den Kopf einschlagen, auch untereinander nicht voran kommen werden. Dabei kam mir abermals die Frage in den Kopf, wie die Welt im Jahr 2020 aussehen wird? Ich dachte, es kann doch nicht sein, dass wir uns dann immer noch von Blut ernähren. Ich sagte: „Wie man in den Wald ruft“, und noch andere Sachen und dass, wenn wir in einer friedlichen Welt leben wollten, nicht daran vorbei kämen, Tiere als Freunde zu betrachten. Meine Eltern sahen mich mit großen Augen an, und während ich meine Eltern betrachtete, spürte ich, wie sich der Rieselwiderstand in mir wieder um ein Stück erweitert hatte. Dabei wurde mir klar, dass unsere Generation es in den Händen hält, wie unsere Zukunft aussehen wird.

***

Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Es war bereits nach Mitternacht. Ich lag in meinem Bett und las im Fänger im Roggen, als das Fenster aufsprang und wie aus dem Nichts ein Außerirdischer bei mir im Zimmer stand. Er trug keinerlei Kleider, war ca. 80 cm groß und um den Bauch fast genauso breit. Sein Körper hatte die Form eines flauschigen Luftkissens, das an den Enden wie ein Bonbon zusammen geknotet war. Er war vollständig mit kleinen, weißen Engelslöckchen behaart, die vom einströmenden Nachtwind lustig auf und ab schwangen. Sein Gesicht war kreisrund und er hatte große Augen, mit denen er mich niedlich wie eine Prinzessin anblickte. Um seine Nase gab es eine Vielzahl von Sommersprossen und an den Seiten seines Kopfes baumelten zwei lange Schlappohren herunter. Dieser Außerirdische erinnerte mich an eine Mischung aus dem Sams und Dumbo. Als kleiner Junge hätte ich mir wahrscheinlich genau so ein Kuscheltier gewünscht, doch als er jetzt so vor mir stand, fühlte ich, wie sich mir vor Erstaunen und Furcht meine Haare aufstellten. Er sah mich weiterhin aus seinen großen Kulleraugen ruhig an und nachdem ich meine Furcht überwunden hatte, sagte ich: „Hallo“.
Er antwortete: „Was tust Du?“ Seine Stimme quietschte wie ein altes Türscharnier.
„Lesen, ich weiß nicht ob du…?“
„Klar kann ich lesen, mache ich auch öfter.“
„Ach ja?“
„Was liest du denn?“
„Der Fänger im Rogen.“
„Von Salinger!“
„Stimmt.“
Der Außerirdische lächelte und sagte: „Ist auch eines meiner Lieblingsbücher.“
„Sag mal, du kommst nicht von hier, oder?“
„Das ist etwas komplizierter und ich bin schon recht müde. Also, lass uns darüber ein anderes Mal sprechen.“
Was für ein anderes Mal, dachte ich, während sich der Außerirdische in meinem Zimmer umsah, in dem nicht viel mehr als mein Bett, ein Regal mit Büchern und Klüngel, ein Kleiderschrank und eine Stehlampe stand. Als der Außerirdische mein Zimmer zu Ende inspiziert hatte, trottete er langsam auf mich zu, um sich zu mir aufs Bett zu setzen. Trotz seines unförmigen Körpers, waren seine Bewegungen elegant und geschickt. Er ließ sich neben mich auf die Matratze plumpsen und von dem daraus resultierenden Rückschwung belustigt, begann er mit angezogenen Beinen auf und nieder zu wippen, dass ich mich fühlte wie bei einer Schiffsfahrt mit starkem Wellengang. Wenn ich nicht vorhatte ernsthaft seekrank zu werden, musste ich dieser unfreiwilligen Fahrt ein Ende bereiten.
„Stopp!“ rief ich.
„Ganz bequem dein Bett,“ entgegnete mir der Außerirdische seelenruhig. „Hast du was dagegen wenn ich heute hier bleibe?“
Ich überlegte kurz. „Tja, ich bin nicht auf Besuch vorbereitet, aber wenn dir das Sofa im Wohnzimmer ausreicht?“
Er sah mich enttäuscht an und sagte: „Dein Bett würde mir besser gefallen und ich habe auch nichts dagegen, mit dir zusammen drin zu schlafen.“
Ich sah auf mein 1 m breites Bett und dann auf die 80 cm breite Taile des Außerirdischen, der mich aus erwartungsvollen Augen anblickte.
Schließlich sagte ich: „OK, aber die Füße solltest Du dir vorher schon waschen.“
Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ohne dass ich ihm den Weg hätte erklären brauchen, ging er aus meinem Zimmer, durch denn Flur ins Badezimmer. Ich konnte sehen wie das Licht im Bad anging, hörte wie das Wasser erst angestellt, dann wieder abgestellt wurde und sah, wie das Licht vom Bad erlosch. Als ich mein Buch zur Seite legte und die Nachtischlampe ausschaltete, lag der Außerirdische bereits neben mir und kuschelte sich mit seinen flauschigen Engelslocken an meine Seite.
„Ich hoffe der Körperkontakt macht dir nicht aus, ich kann sonst einfach nicht einschlafen?“
Ich seufzte.
Dann sagte er mit müder Stimme: „Ach ja, ich heiße Paul.“
„Und ich bin Thomas.“
Und während ich dies sagte, konnte ich schon sein ruhiges Atmen hören. Er war eingeschlafen.

Fortsetzung folgt 1/5
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem wohligen Gefühl. Ich fühlte mich als hätte ich eine ganze Woche geschlafen, frisch und leicht wie ein von Wind getragenes Blatt. Vor meinen Augen spiegelte sich noch der Traum der vergangenen Nacht. In dem ich allein durch den Stadtparks gelaufen war. Es war kalt und die Bäume waren kahl. Matschiger Schnee lag zusammen geschoben an den Rändern der Wege und die gelbe Lichtbündel der Sonne prallten unsanft von dem weiß gefrorenen Boden ab. Ich lief bis ich an einen Parkteich anlangte, auf dem eine Ente saß. Als ich näher kam, konnte ich erkennen, dass das Wasser zu Eis gefroren war und die Ente mit ihren Füßen fest steckte. Ich überlegte was zu tun sei und entschloss mich, die Ente aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ich kletterte vorsichtig auf die dünne Eisschicht. Doch bereits nach wenigen Schritten begann das Eis unter mir nachzugeben und ich brach ein. Das Wasser war kalt und schmerzte auf meiner Haut, als wäre ich in scharfkantiges Glas gefallen. Glücklicherweise war das Wasser nicht tief und ich zog mich zurück ans Land. Am Ufer dachte ich schlotternd darüber nach, was aus der Ente würde, wenn ich sie nicht befreite. Ich biss die Zähne zusammen und kämpfte mich in einem zweiten Versuch durch das Eiswasser zu der Ente vor. Mir stockte der Atem vor Kälte. Ich klopfte so lange mit meiner Faust auf die Eisfläche, bis dieses brach und die Ente frei gab. Ich hob sie aus dem kalten Wasser und wickelte sie behutsam in meine Jacke. Sie schmiegte sich sofort dankbar an meinen Körper und ich konnte fühlen wie ihr Herzschlag sich langsam beruhigte. Nachdem ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und meine Jacke behutsam öffnete, um die Ente auf Verletzungen zu untersuchen, saß statt ihrer ein mit Engelslocken behaarter Außerirdischer in meinem Arm, der mich mit großen Augen ansah. Er fragte mich, ob er heute Nacht bei mir bleiben könnte, er sei müde und wisse nicht, wo er die Nacht verbringen könnte. Noch verwundert über den plötzlichen Wechsel willigte ich ein und nahm den Außerirdischen mit zu mir nach Hause. Von der Unterkühlung des Eiswassers zitterte mein Körper noch bis tief in die Nacht hinein. Ich spürte wie der Außerirdische versuchte mich zu wärmen, in dem er sich wie eine flauschige Wärmflasche an mich drückte, bis sich schließlich die Kälte in mir auflöste und nur noch ein wohliges Gefühl zurückblieb, mit dem ich erwachte.

Fortsetzung folgt 2/5
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Verrückter Traum, dachte ich, während ich mich räkelnd auf die andere Seite drehte, auf der mir der Außerirdische aus meinem Traum lustig in die Augen blinzelte. Ich machte vor Schrecken fast einen akrobatischen Satz auf die Bettkante. Denn damit, dass mein Traum Wirklichkeit sein sollte, hatte ich nicht gerechnet.
Der Außerirdische fragte belustigt: „Hast du gut geschlafen?“
Ich konnte es nicht bestreiten und sagte noch immer verwirrt: „Ja und selber?“
„Ich auch. Wie wäre es jetzt mit Frühstück? Ich bin schon einige Zeit wach und habe riesigen Kohldampf.“
Ich nickte. Wir standen auf und langsam kehrte meine Erinnerung des gestrigen Tages zurück. Als ich mir meinen Morgenmantel überzog, sah ich in Gedanken das Fenster in meinem Zimmer aufspringen, sah wie der Außerirdischen herein trat, sich mit mir unterhielt, ich im Bett liegend das Licht ausschaltete und wir einander Gute Nacht wünschten.
„Paul,“ sagte ich automatisch.
„Du scheinst morgens etwas länger zu brauchen.“
„Scheint so, aber nach dem ersten Kaffee bin ich voll da – hoffe ich zumindest.“

Ich stapfte mit dem Außerirdischen in die Küche und räumte Brot, Wurst, Margarine und Marmelade aus dem Kühlschrank. Danach stellte ich die Kaffeemaschine an und wischte über den Tisch. Als ich mich setzen wolle bemerkte ich, dass mir Paul mit einem erstaunten Blick bei den Frühstücksvorbereitungen zusah.
„Was machst du da?“
„Frühstück?! Nach was sieht es denn aus?“
„Aber doch nicht so.“
„Dann sag mir einfach, wie du gerne frühstücken würdest?“
Er kratzte sich mit seinen kleinen Fingern am rechten Ohr. Dann sagte er: „Erinnerst Du dich noch an Deinen Traum von heute Nacht?“
„Ja, ich war, wenn mich nicht alles täuscht im Stadtpark. Wieso?“
„Und weiter?“
„Wie und weiter? Ich habe eine Ente gerettet die im Eis fest gefroren war und auf einmal warst du statt der Ente in meiner Jacke. Was hast du da eigentlich gemacht?“
Er sah mich eine Weile nachdenklich an und sagte schließlich: “OK, probieren wir es Mal anders. Sieh jetzt bitte einmal zur Wand.“

Ich tat ihm den Gefallen und drehte mich zur Wand. Doch konnte ich nichts Ungewöhnliches dort erkennen. Ich suchte die Wand ab, doch dort war nichts zu entdecken und ich drehte mich zurück. Überraschenderweise saß jetzt auf dem Stuhl gegenüber, wo zuvor der Außerirdische gesessen hatte, die Ente aus meinem Traum. Als sie mich erkannte sprang sie flugs von dem Stuhl auf den Tisch und watschelte zu mir herüber. Sie quakte mich erfreut an und machte einen Satz zu mir auf den Arm. Danach öffnete sie geschickt mit ihrem Schnabel meinen Morgenmantel und wickelte sich in ihm ein, bis ich sie nur noch in der Ausbeulung des Stoffs erkennbar war. An meiner nackten Haut spürte ich, wie sie sich dankbar an meinen warmen Körper schmiegte. Ihr Herz pochte anfangs noch aufgeregt, wurde aber mit der Zeit langsam ruhiger. Ich bemühte mich meinen Arm so zu halten, dass sie in meiner Beuge Halt fand. Ich wartete geduldig ab was als nächstes passieren würde, dabei wanderte mein Blick über den Frühstückstisch. Während ich unbeteiligt meine Frühstücksutensilien betrachtete, überkam mich, ohne zu begreifen wieso, ein kurzer Angstschauer. Automatisch blickte ich auf den ausgebeulten Stoff meines Morgenmantels und von der plötzlichen Angst angetrieben, versuchte ich die Ente aus meinem Mantel auszuwickeln. Doch die Ente war verschwunden. Schlagartig fühlte ich eine bedrückende Traurigkeit. Aber irgendetwas stimmte hierbei nicht. Wie sonderbar alles war, dachte ich, der Außerirdische, die Ente, mein Traum und diese schwankenden Gefühle. Ich konnte mir keinen Reim daraus machen, wie diese ganzen Dinge zusammen hingen. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr veränderte sich meine Traurigkeit hin zu einem unbeholfenen Schuldgefühl, das tief in mir verborgen zu liegen schien und durch mein Nachgrübeln wie ein Ballon in mir aufzusteigen begann. Ich kniff mir in den Arm, um auf Nummer sicher zu gehen, dass ich auch nicht träumte. Aber es war alles echt.

Fortsetzung folgt 3/5
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Als ich aus meinen Gedanken wieder aufblickte, saß der Außerirdische auf seinem alten Platz. Er saß mir auf dem Stuhl gegenüber und blickte mich mit interessierten Augen an.
„Paul? Ich verstehe das alles nicht. Ich dachte du wärst weg.“
„Keine Sorge, ich habe ja noch nicht gefrühstückt, da haue ich nicht einfach ab.“
„Aber was soll das Ganze?“
„Ich wollte dich nur darauf aufmerksam machen, dass Du ein Mensch mit Gefühlen bist.“
„Auf meine Gefühle wolltest du mich aufmerksam machen?“
„Jupps.“
„Und wozu das Ganze?“
Der Außerirdische setzte sich in eine bequeme Pose, um mir mit listiger Miene mitzuteilen: „Ganz einfach, ich bin dein Gewissen.“
„Verstehe ich nicht?“
„Habe etwas Geduld. Zuerst wollen wir jetzt Frühstücken.“
Er zog sich die Erdbeermarmelade heran und löffelte genüsslich mit seinem Löffel darin rum. Dann sagte er: „Schmeckt ausgezeichnet, möchtest Du auch etwas?“
Ich antwortete etwas zerstreut: „Warum eigentlich nicht.“
Er nahm seinen Löffel aus der Marmelade und machte mir ein Häufchen auf meinen Teller, dabei kleckste ein kleiner Fleck auf die Wurst, die mittig auf dem Tisch lag. Meine Augen folgten automatisch der vom Löffel herunter rinnenen Marmelade, die tief rot auf der Salami zerlief. Gleichzeitig überkam mich abermals das Gefühl von Traurigkeit.
“Machst du das extra? Ich weiß nicht, was du vorhast, aber du könntest mir bitte erklären was du damit meinst, dass du mein Gewissen bist.“
Der Außerirdische fragte kauend: „Du weißt nicht, was ein Gewissen ist?“
„Ich weiß was ein Gewissen ist! Ich weiß aber nicht, was es heißt, dass du mein Gewissen sein sollst.“
„Das liegt nur daran, weil ihr Menschen euch so schlecht Dinge vorstellen könnt. Stell dir vor, ich würde einfach als innere Stimme zu dir sprechen, dann wäre die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du mich nicht ernst nimmst. Deswegen sitze ich jetzt hier.“
„Und was machst du hier? Ich meine, was ist deine Aufgabe?“
„Grundsätzlich bin ich dafür da, dein Handeln zu bewerten und es war an der Zeit mich dir persönlich vorzustellen.“
„OK und was habe ich angestellt?“
„Du trampelst auf der Stelle.“
„Ich trample auf der Stelle?“
„Genau.“
„Und warum fühle ich mich traurig?“
Paul machte eine Pause und sagte dann: „Sag mir warum Du heute Nacht die Ente gerettet hast?“
„Na weil sie sonst erfroren wäre.“
„Gut und wie hat es sich angefühlt?“
„Keine Ahnung, wie soll sich sowas schon anfühlen?“
„Hier haben wir schon den ersten Grund, warum du auf der Stelle trittst, du machst dir deine Gefühle einfach nicht bewusst.“
„Verstehe ich nicht.“
„Dann beschreibe mir jetzt einmal genauer, wie es war und was du dabei gefühlt hast, als du die Ente gerettet hast.“
„Ja also, ich bin ins Wasser, das war ganz schön kalt und dann habe ich die Ente in meine Jacke gewickelt und bin wieder raus aus dem Wasser.“
„Genauer!“
„Als ich die Ente in meine Jacke genommen habe, konnte ich fühlen, wie ihr Herz aufgeregt schlug. Sie war aufgeregt und erschöpft.“
„Schon besser und wie hast du heute Nacht geschlafen?“
„Gut, das habe ich dir heute Morgen doch schon gesagt.“
„Du bist wirklich nicht einfach. Du sollst mir natürlich sagen, warum du gut geschlafen hast?“
„Weil du mich gewärmt hast. Ich habe gefroren, weil ich ins Eiswasser gefallen bin und du hast mich gewärmt, solange bis mir nicht mehr kalt war.“
„Du meinst, dein Gewissen hat dich gewärmt?“
Ich dachte darüber nach, während er mit seinem Löffel wieder angefangen hatte in der Marmelade herum zu stochern. Schließlich fragte ich ihn: „Aber bist du nicht auch die Ente gewesen?“
„Ich kann in vielen Gestalten auftreten, aber letztendlich bin ich nur das, was du in mir siehst.“
Noch einmal versank ich in meinen Gedanken, bis ich schließlich sagte: „OK, dass habe ich jetzt verstanden, aber wieso diese Traurigkeit?“
„Das ist der zweite Grund, warum du auf der Stelle trittst, es gibt einen Widerspruch zwischen dem, was du fühlst und dem, wie du dich verhältst.“

Fortsetzung folgt 4/5
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Es ist komisch, dachte ich, dass ich hier mit einem Außerirdischen sitze, der behauptet mein Gewissen zu sein und ich mich mit ihm über meine Ängste unterhalte. Dabei blicke ich auf die Wurst, die von der Marmelade in dunkles Rot gefärbt wurde.
„Meinst du, es ist komisch, dass ich mich einerseits um die Ente sorge und anderseits Tiere töten lasse, um sie als Wurst zu essen?“
„Nicht ich meine das, ich bin nur Dein Gewissen. Wenn, meinst du das!“
„Vielleicht hast du ja Recht,“ sagte ich in meine Gedanken vertieft.
Und wie ich dies aussprach, merkte ich, wie der Ballon mit der Traurigkeit in mir platzte und sich stattdessen das wohlige Gefühl des Morgens in mir ausbreitete.
Überrascht sah ich Paul an, der gerade den Löffel mit Marmelade in seinen Mund steckte und sich über die Lippen leckte.
„Danke für das Frühstück. Ich glaube, ich bin satt.“
„Und jetzt?“
„Ich werde nun wieder gehen. Ich glaube, du kommst ab jetzt allein zu recht.“
„Ja, glaubst du wirklich?“
„Du bist auf dem richtigen Weg, alles andere liegt bei dir.“
Ich will aufstehen, um Paul zu verabschieden.
„Mach dir keine Umstände, ich kenne den Weg.“
„Dank dir und komm mal wieder vorbei.“
„Nicht der Rede wert, habe ich doch gerne gemacht.“

Dann stand er auf und ging. In der Tür drehte sich Paul nochmals zu mir um und sah mich mit seinen Kulleraugen an. Er hob seinen wuscheligen Arm, winkte und verschwand hinter der Türecke. Ich hörte, wie er die Tür in meinem Schlafzimmer öffnete und das Fenster in meinem Zimmer aufgestoßen wurde, danach war ein Knacken oder Zischen zu hören, dann herrschte Stille. Ich stand auf, sah noch mal auf die Wurst und entschloss mich, sie mir zukünftig als Ente vorzustellen. Ich goss mir eine Tasse Kaffe ein, setzte mich zurück auf meinen Stuhl und bestrich mir ein Brot mit dem Rest Marmelade, den mir Paul übrig gelassen hatte. Ich musste zugeben, dass die Marmelade ausgezeichnet schmeckte. Als ich meinen Arm, mit dem Brot zum Mund führte, fiel eine weiße Engelslocke aus meinem Morgenmantel. Ich hob sie auf und hielt sie begutachtend in meiner Hand. Sie fühlte sich leicht und weich an und erinnerte mich an ein wohliges Gefühl.

***
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Ich gehe aus der Wohnungstür, das Treppenhaus herunter auf die Straße. Es regnet. Vor der Tür stelle ich fest, dass bei meinem Fahrrad das Vorderrad geklaut wurde. Verärgert gehe ich die Straße abwärts, bis vor ein Haus ohne Dach, in dem ein Riese steht. Seine Knie reichen bis an den Giebel und als ich an ihm heraufblicke, sehe ich, dass er das Dach des Hauses auf dem Kopf trägt.
Ich frage: „Hallo Riese, was macht das Dach auf deinem Kopf?“
Der Riese antwortet: „Es ist wegen des Regens.“
Ich nicke und sage: „Hätte ich mir denken können. Aber sag mal, steckst du fest? Kann ich dir vielleicht helfen?“
Der Riese antwortet leicht verlegen: „Ich bin ein Eintagsriese. Gestern war ich noch klein und heute so groß, wie, wie …“
Ich: „Ein Wolkenkratzer?“
Darauf der Riese: „Genau. Aber morgen werde ich wieder klein sein. Schließlich bin ich ein Eintagsriese.“
Ich frage: „Bist du dir da sicher?“
Der Riese antwortet: „Ja. Das gehört zu meinem Riesendasein dazu. So lange ich ein Riese bin, bin ich so etwas wie, wie …
Ich: „Ein Hellseher?“
Und der Riese: „Genau. Man könnte auch sagen, ich bin allwissend.“
Ich darauf: „Du meinst, ich könnte dir eine Frage stellen und du wüßtest die Antwort.“
Der Riese: „Probier es doch einfach mal aus.“
Ich denke kurz nach, dann frage ich: „Herr Riese, sag mir doch bitte, was wird mir heute Spannendes passieren?“
Der Riese antwortet: „Dir wird heute das Vorderrad deines Fahrrads geklaut, aber das weißt du wohl schon.“
Ich nicke und frage: „Sonst nichts?“
Der Riese antwortet: “Nein, Entschuldige, bis auf mich natürlich.“
Der Regen wird stärker. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch und die Kapuze über meinen Kopf. Der Riese sieht mir dabei zu und fragt dann: „Hast du noch etwas auf dem Herzen?“
Ich denke noch einmal nach, dann frage ich: „Kann ich dir noch eine zweite Frage stellen?“
Der Riese: „Nur zu.“
Ich frage: “OK Herr Riese, wenn du allwissend bist, dann kannst du mir vielleicht eine Frage beantworten, die mich schon immer beschäftigt hat. Wieso sind Menschen manchmal so grausam? Also, warum sperren sie einander ein oder führen Kriege gegeneinander?“
Der Riese nimmt das Dach von seinem Kopf, um sich zu kratzen. Nach einer längeren Pause antwortet der Riese: “Keine leichte Frage, aber eigentlich ist die Antwort gar nicht so schwer wie es scheint. Wir sind nur zu sehr mit uns selbst beschäftigt, so dass wir dabei die Anderen um uns herum aus den Augen verlieren. Dadurch kommen wir zwangsläufig zu, zu …“
Ich : „Einer Erblindung?”
Der Riese: „So etwas in der Art. Ich dachte aber eher an, an …”
Ich: „Probleme?“
Der Riese: „Genau.“
Ich frage: „Meinst du, wenn wir öfter an andere denken würden, wäre alles besser? Und das soll alles sein?“
Der Riese entgegnet mir: „Es gehört Mut dazu, sich selbst in Anderen zu sehen und Andere in sich selbst. Doch wenn wir diese Erkenntnis zulassen, lernen wir, dass das, was wir Anderen antun, genauso schlimm ist, als würden wir es uns selbst antun. Und dies gilt nicht nur für die Dinge, die wir Menschen zufügen.“
Ich nickte nachdenklich und der Riese sagt: „Ich hoffe, das hilft dir ein wenig.“
Ich antworte: „Es braucht, glaube ich, noch ein wenig, bis ich alles von dem was du gesagt hast verstanden habe, aber ich werde darüber nachdenken.“
„Einen Tipp habe ich noch für dich,” sagt der Riese grinsend ”wenn du nach Hause zurückgehst, sieh hinter dem Haus nach, dort findest du, was dir fehlt.“
Ich verharre einen Augenblick in der Stellung in der ich gerade stehe, dann antworte ich: „Danke Herr Riese, nett von dir, also nicht nur den Tipp mit meinen Vorderrad.“
Der Riese lüpft freundlich das Dach und sagt: „Nichts zu danken – war mir eine Freude und komm mich doch mal wieder besuchen. Wenn ich gerade nicht ein Eintagsriese bin und alles im Haus durcheinander bringe, macht meine Frau tollen Apfelkuchen.“
„Sehr gerne,” antworte ich erfreut.
Dann wende ich mich um zum Gehen um, denn der Regen hat mittlerweile die Schicht meiner Kleider durchdrungen. Kurz vor meinem Haus blicke ich mich noch einmal um und sehe wie der Riese mit seiner großen Hand in meine Richtung winkt. Ich winke zurück, dann verschwinde ich hinter meinem Haus, wo ich das Vorderrad an der Wand gelehnt finde.

***
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

In einer Eckkneipe in Hamburg. Sie ist nur spärlich mit Gästen gefüllt. Zigarettenrauch liegt in der Luft, ein Automat blinkt in der Ecke, aus einem Radio, das den Raum mit Musik bespielt, dringen Schlager.

Ein Mann Ende fünfzig, Halbglatze, mit großen Poren auf der Nase: „Gehst du schon?“

„Ich muss mal“, sagt das rosa Känguru mit dem blauen Kleid, dreht sich um und weg ist es, in hohen Sprüngen Richtung Toiletten. Der Mann überlege sich, noch ein Bier zu bestellen und bestelle gleich zwei, für sich und das Känguru. Als das rosa Känguru nach 10 Minuten zurückkommt, hat er sein Bier schon zur Hälfte leer getrunken.

„Ich hab dir ein Bier mitbestellt. Was hast du denn so lange getrieben?“

„Nichts weiter, ich hab mir die Fingernägel noch schnell lackiert.“

Daraufhin streckt das Känguru dem Mann seine Finger entgegen, die in knalligem Rot leuchten.

„Schick“, entgegne der Mann kurz.

„Was meinst du denn? Als Känguru wirst du überall blöd angeguckt. Besonders, wenn du dazu noch rosa bist. Ich kann es mir einfach nicht leisten mit meinem Äußeren zu schludern.“

„Verstehe.“

„Was verstehst du?“

„Na, das mit deinem Äußeren und so.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich.“

„Gut, trinken wir.“

Nach einer Pause fragt der Mann: „Woher kommst du eigentlich?“

„Lange Geschichte.“

„Ich habe Zeit.“

„Ich weiß nicht, ist eher privat.“

„Ganz wie du meinst, ich bin aber ein guter Zuhörer.“

Das Känguru überlegt.

„OK, hier eine Kurzfassung. Ich komme aus einem Nationalpark in Australien. Ich war eigentlich für einen Zoo gedacht, bin aber auf der Überfahrt nach Europa abgehauen. Und seitdem lebe ich in Hamburg.“

„Oh, und was machst du so, um über die Runden zu kommen?“

„Ich arbeite als Stripperin auf der Reeperbahn. Klar, kein Traumjob, aber was soll ich sonst schon als Känguru anfangen? Ich habe mich auf tausend Stellen beworben. Aber denkst du, die wollen ein Känguru?“

„Verstehe.“

„Ist das eine Masche von Dir?“

„Was?“

„Na, dieses „verstehe“ ständig? Bist du etwa ein Känguru?“

„Nein“, antworte der Mann kleinlaut.

„Gut.“

Beide schweigen und trinken ihr Bier.

„War nicht so gemeint,“ beginnt das Känguru, „aber es gibt so viele Typen, die sagen: Ich verstehe, und die verstehen leider gar nichts von all dem.“

„Verstehe, – äh – entschuldige, das rutscht mir einfach immer so raus.“

„Schwamm drüber.“

„Danke.“

Der Mann nimmt den letzten Schluck aus seinem Bier.

„Möchtest du auch noch eins?“

„Ja, warum nicht? Ich muss heute erst später bei der Arbeit sein und ohne angeben zu wollen, als Känguru kann ich einiges vertragen.“

Der Mann sieht zu, wie das rosa Känguru den Rest seines Biers in einem Zug austrinkt um danach zwei neue Biere zu bestellen.

„Was machst du eigentlich?“

„Nichts Besonderes,“ antworte der Mann, „ich bin Redakteur bei einer kleinen Zeitung.“

„Klingt so, als würde dir dein Job nicht unbedingt Spaß machen.“

„Da hast du Recht. Ich bin da irgendwie reingerutscht, aber Spaß macht es mir nicht so wirklich.“

„Verstehe.“

„Machst du dich über mich lustig?“

„Verstehst du keinen Spaß?“

Das Känguru knufft dem Mann mit er Halbglatze in die Seite, während der Barkeeper zwei frisch gezapfte Bier vor ihnen auf die Theke stellt.

„Prost.“

„Auf dich.“

Sie trinken

„Erzähl mir von Australien.“

„Ich bin mit meiner Familie in der Nähe von Sydney aufgewachsen. Nachdem ich aus dem Beutelalter raus war, blieb ich bei meinen Eltern. Es ging uns gut, wir haben uns gut verstanden, ich meine, meine Eltern und ich. Ich habe oft mit meinem Vater abends draußen gesessen und in den Abendhimmel gesehen und so.“

„Und dann?“

„Und dann kamen Wilderer mit einem Geländewagen und Anhänger, sie haben uns mit Betäubungspfeilen überrascht. Ich bin erst wieder aufgewacht, als ich bereits in einer Kiste, auf dem Weg nach Europa, saß. Was mit meinen Eltern passiert ist, weiß ich nicht. Ich hoffe es geht ihnen gut, wo immer sie auch sein mögen.“

„Du heilige Scheiße.“

„Das kannst du wohl sagen. Ich habe die ersten Tage rund um die Uhr geflennt, weil ich nicht wusste, was mit mir passieren wird und ich mir Sorgen um meine Eltern gemacht habe. Ich musste mir die ganze Zeit vorstellen, wie meine Eltern aus der Narkose aufwachten und mich nicht finden konnten.“

„Und wie konntest du entkommen?“

„Ich freundete mich an Board des Schiffs mit einem Matrosen an, der mich mit Essen und Trinken versorgen sollte. Er hat, als wir in den Hafen einliefen, die Tür meiner Transportkiste entriegelt. Vorher gab er mir eine Adresse von seiner Schwester hier in Hamburg und noch etwas Geld.“

„Wow, und hast du die Schwester in Hamburg aufgesucht?“

„Ja, aber sie war nicht da. Ich habe es ein paar Mal probiert, dann bin ich irgendwie bei der Bahnhofmission gelandet. Aber die wollten mir weder etwas zu Essen noch einen Schlafplatz anbieten.“

„Warum?“, fragte der Mann erstaunt.

„Weil ich ein Känguru bin und sie nur für Menschen zuständig sind, haben sie mir gesagt und dann haben sie mir gesagt, ich könne mich ja ans Tierheim wenden.“

„Aber das können die doch nicht machen.“

„Doch sie können. Als Känguru in einer vom Menschen bestimmten Stadt ist es genauso wie als Stripptiestänzerin. Jeder will dich anstarren, aber zu tun haben will keiner mit dir etwas, weil du etwas dreckiges, unreines an dir hast.“

„Ich dachte, du arbeitest als Stripptiestänzerin?“

„Mache ich auch, weil es der einzige Job in dieser Stadt ist, den ich bekommen habe. Deswegen bin ich auch auf den Vergleich gekommen. Ist nicht ganz unähnlich, als würde ich im Zoo herumstehen, das gebe ich zu, aber immerhin kann ich abends wieder gehen.“

„Muss nicht ganz einfach sein, wenn man plötzlich in einem fremden Land angespült wird und sich dort zurecht finden soll, was?“

„In der Anfangzeit habe ich versucht, mich mit Betteln über Wasser zu halten. Das war der größte Fehler, den ich hätte begehen können. Ich setzte mich wie ich war, also ohne Kleider und so, in die Fußgängerzone. Die Passanten wollten die Polizei holen. Und die Bettler beschimpften mich, weil sie Angst hatten, ich würde ihnen als Känguru das Geschäft kaputt machen.“

„Ich habe nie über so ein Kängurudasein nachgedacht, aber es klingt alles nicht leicht.“

„Ganz ehrlich, bisher bin ich nur von sehr wenigen Leuten gut behandelt worden. Sobald die Leute mich sehen, drücken sie mich gleich in eine Schublade. Erst als ich anfing mich wie eine von ihnen zu kleiden und ihre Sprache gelernt habe, hat sich der Umgang mir gegenüber langsam verbessert. Erst dann haben sie mir Beachtung geschenkt. Aber Anerkennen tun sie mich trotzdem nicht als ihresgleichen.“

Der Mann trinkt sein Bier aus und bestellt, ohne das Känguru zu fragen, zwei neue. Der Barkeeper hält ein Glas schräg unter den Zapfhahn, kippt es kurz bevor es gefüllt ist in die Senkrechte, dabei entsteht eine weiße luftige Schaumkrone.

Sie stoßen an.

„Und jetzt?“ fragt der Mann und setzt dabei sein Bier an die Lippen.

„Als Außenseiter hast du viel Zeit über dein Außenseitersein nachzudenken. Für die Leute bin und bleibe ich nichts als ein blödes Känguru. Höchstens zum Anglotzen was wert. Das liegt daran, weil die Leute keine Lust haben mich wirklich kennen zu lernen.“

„Ich interessiere mich für dich“, sagt der Mann ehrlich.

„Das stimmt, aber ohne dir zu nahe treten zu wollen, mittlerweile kann ich auch sprechen. Als ich mir in den ersten Tagen und Wochen die Augen aus dem Kopf geheult habe, interessierte das Niemanden. Wahrscheinlich, weil sich die Leute nicht vorstellen können, dass ein Känguru die gleiche Traurigkeit in sich trägt wie sie selbst. Erst als ich sagen konnte: Ich weine, weil ich meine Eltern vermisse und Australien, erst da haben die Leute meiner Traurigkeit Beachtung geschenkt, wenn auch nur mit Skepsis.“

Der Mann überlegt was er sagen könnte, doch es fällt ihm nichts ein und er blickt gedankenversunken in sein Bier.

„Ich glaube, es liegt daran, dass die Leute so ein Geheimnis aus ihren Gefühlen machen.“

„Wie meinst du das?“

„Die Leute, die ich bisher kennen gelernt habe, waren alle irgendwie verschlossen. Entweder hatten sie keine Gefühle oder sie waren alle sehr gut darin, ihre Gefühle zu verstecken.“

„Kannst schon Recht haben, damit. Aber ich mag dich wirklich.“

„Das ist nett von dir. Ich glaube auch nicht, dass alle Menschen gleich sind, auch wenn die meisten sich wirklich Mühe geben, im Arschlochsein.“

Der Mann trinkt von seinem Bier und merkt, wie der Alkohol ihn zum Tänzchen auffordert.

„Wie sind denn jetzt deine Pläne?“, frage er.

„Ich versuche, so viel Geld zusammen zu sparen, dass ich mir ein Ticket für Australien kaufen kann und dann will ich meine Eltern suchen.“

„Du vermisst sie wohl sehr, was?“

„Ja, besonders die Abende mit meinen Vater. Oft ist es kaum zum Aushalten, dann sehe ich sie vor mir und mir wird schlagartig schlecht.“

Der Mann nickt.

„Trinken wir noch eins zusammen?“

„Aber das wird mein letztes sein, sonst bekomme ich Ärger mit meinem Chef.“

Der Mann mit der Halbglatze bestellt zwei Bier und der Barkeeper macht sich daran, die Gläser zu füllen.

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Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer

Heute gabs einen Leseabend. Ich habe mir gegen 19 Uhr meine Schlafanzugshose angezogen und bin mit meinem Buch ins Bett gehüpft. Ich lese zurzeit einen Krimi von Hakan Nesser, der echt spannend ist und schnell zu Ende gelesen werden will. Nach ca. 20 Minuten kam ich zu einer Textstelle, die mich nachdenklich gemacht hat. Es ging um ein Mädchen, das von einem Mann bedrängt wurde, sich aber befreien und in ein Waldstück fliehen konnte.
„Dann sank sie hinter einem moosbedeckten Fels zu Boden und wartete. So fühlt sich ein gejagtes Tier, fuhr es ihr durch den Sinn, genau so ist es, ein gehetztes Wild zu sein.“ Es ist mir schon öfter aufgefallen, dass in Erzählungen, immer dann, wenn eine Situation wirklich grässlich wird, Vergleiche mit Tieren gezogen werden, um zu verdeutlichen, wie schlecht es einem Menschen gerade geht. Das verrückte daran ist, dass genau diese Vergleiche uns Menschen eigentlich dazu bewegen müssten, Tieren kein Leid zuzufügen, da wir uns beim Lesen in die Situation des Tieres hinein versetzen. Allerdings scheinen entweder die meisten Menschen nicht 1 und 1 zusammen zählen zu können oder sie lesen einfach die falschen Bücher.
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Eine Kolumne von Tobias Hagenbäumer

jjj
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und arbeite an Illustrationen für ein Buch, die bis morgen fertig werden müssen. Es geht nur langsam voran und meine Unzufriedenheit wächst minütlich. Ich stelle das Radio an, um mich abzulenken. Sie spielen „California Girls” von den Beach Boys. Ich tippe den Takt mit meinem Bleistift mit und versuche mir vorzustellen, wie das Bild, an dem ich zeichne, aussehen könnte, wenn es fertig ist. Als das Lied endet, drücke ich mich mit dem Stuhl vom Schreibtisch weg und nehme einen Schluck aus der Kaffeetasse. Ich kneife die Augen zusammen und lasse die Linien auf dem Bild ineinander verlaufen. Das mache ich immer, wenn ich beim Zeichnen nicht weiterkomme, um vielleicht etwas Neues in dem Bild zu erkennen. Während ich in meinem Kopf mit den Linien spiele, bricht plötzlich die Musik im Radio ab. Gurgeln ist zu hören, dann Stille, dann wieder Gurgeln. Es klingt wie das unkontrollierte Gurgeln eines Ertrinkenden. Eine Frauenstimme drängt sich durch die Gurgelgeräusche in den Vordergrund. Die Sätze der Frau sind unverständlich, unbrauchbar wie eine sprossenlose Leiter.
Ich zünde mir eine Zigarette an und versuche mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich ziehe den Stuhl zurück an den Schreibtisch, nehme mir eine alte Zeichnung hinzu, um beide gegen das Licht zu halten. Vielleicht könnte mehr Kontrast helfen, denke ich. Ich trinke vom Kaffee und schraffiere den Hintergrund der Illustration stärker nach. Plötzlich verstummt im Radio die Frauenstimme zusammen mit dem Gurgeln. Stille strömt aus den Lautsprecherboxen in mein Zimmer. Ich stelle an der Lautstärke herum, bis ein leises Rauschen hörbar wird. Danach probiere ich es mit der Sendereinstellung, doch überall ist nur das gleiche leise Rauschen zu hören. Mein Finger rollt langsam über das Senderrädchen, bis auf einer anderen Frequenz erneut die Frauenstimme ertönt, die  – unterbrochen von den Gurgelgeräuschen – unzusammenhängende Wortketten brabbelt: „Wir, letzter Tag, alle, im Auge, vernichten, ohne, Gold, Abend, schwarz, Ende, Ende, wir alle, …“

Fortsetzung folgt 1/7
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer // Illustriert von ditrue