Dein Freund – Blog
Die erste TierBeschützerorganisation der Welt

Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, dass ich Oliv auf der Straße gefunden und bei mir großgezogen habe. Genauso ist mir ihr Tod im Alltag noch allgegenwärtig. Sei es, dass ich die Tür von meinem Arbeitzimmer noch immer geschlossen halte oder ich beim Einkaufen überlege, was ich Oliv mitbringen könnte. Und auch wenn sich dies alles wie eine Geschichte anhören mag und mir klar ist, dass es auf der Welt tausende von kleinen Mäusen gibt, kann jede einzelne, wenn man es zulässt, das eigene Leben für immer verändern. Ich werde dich nicht vergessen kleine Oliv. Schlaf gut meine Prinzessin.

Lies, was vorher geschah
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

 

Die zweite Wochen ist vergangen seitdem Oliv gestorben ist und tief in meinem Bauch hat sich eine Blase, mit Traurigkeit gefüllt, eingenistet. Ich besuche Oliv regelmäßig in dem Waldstück, in dem ich sie begraben habe und dort kommt es ab und an vor, dass diese Blase platzt. Nur kurz, für einen kleinen Augenblick. Und während der Alltag immer mehr von Olivs Existenz zudeckt, gehe ich in den Endspurt meines Studiums. Ich versuche meine letzten Scheine zu erledigen und mich mit der Frage, was kommt danach, zu beschäftigen. So richtig weiß ich es noch nicht, aber vielleicht werde ich ein Buch schreiben, von einer Maus, die zu meinem Freund geworden ist.

Lies, was vorher geschah
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Verrückt, verrückt. Oliv und ich kennen uns jetzt schon eine ganze Weile und doch passieren zwischen uns immer noch Dinge zum aller ersten Mal. Zum Beispiel gestern hat Oliv mich das allererste Mal geputzt. Ich saß mit ihr im Arbeitszimmer und wir haben Handlift gespielt. Dabei kletterte Oliv auf Regale und Kisten und ich setzte sie bei kniffligen Stellen um oder über. Nach dieser Spieleinheit hat Oliv angefangen, ihr zerzaustes Fell herzurichten, in dem sie ihre kleinen Hände von hinten nach vorn durch ihr Fell gekämmt hat. Als alles wieder stimmte und am richtigen Platz war, ist sie zu mir auf die Hand gekommen und hat dort meine kleinen Häarchen gekämmt und mit ihrem Mund in leichten, kitzligen Nagebewegungen meine Haut gesäubert. Goldig. Und immer wenn Oliv mir gegenüber ein neues Verhalten zeigt, frage ich mich, was es wohl damit auf sich hat?

Lies, was vorher geschah
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer
Von wegen Vatertag – heute war Großreinemachen angesagt. Seitdem mein Arbeitszimmer zu Olivs Wohn-, Schlaf- und Essbereich erweitert wurde, muss ich alle paar Wochen Oliv beim Aufräumen helfen. Oliv ist wirklich ein Schlawiner, was Chaos veranstalten und später nichts wegräumen angeht. Und während ich heute 2 Stunden wild geputzt, geschrubbt und gefegt habe, hat Oliv nur kurz und mit verschlafenen Augen aus ihrem Höhleneingang geschaut. Wahrscheinlich hat sie sich gefragt, warum ich so albern aussehe und auf allen vieren auf dem Boden rumkrieche. Bisher habe ich es noch nicht geschafft, Oliv stubenrein zu bekommen, dafür verrichtet sie ihr Geschäft fast ausschließlich in den 4 Ecken des Zimmers. Warum Oliv das so macht, keine Ahnung, aber es erleichtert den Hausputz und nach getaner Arbeit duftet alles wieder blütenfrisch.
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer
So wie es jetzt ist, sollte es immer sein. Ich habe ein paar Tage frei, weil ich nicht in die Uni gehe und stattdessen den lieben langen Tag Bilder male, ohne mir einen Kopf darum zu machen, was in der Kunst richtig oder falsch ist. Am liebsten mag ich die Zeit zwischen 22 und 2 Uhr. Dann kommt Oliv mich besuchen. Meistens sitze ich gerade vertieft auf dem Boden über einem meiner Bilder, wenn plötzlich Raschelgeräusche zu hören sind. Olivs Nest befindet sich aktuell in der dritten Etage meines Papierregals. Dort kann ich hören wie Oliv durch ihre Geheimgänge schleicht, die beiden Etagen runterklettert, um sich erst einmal unter dem Regal in Sicherheit zu wiegen. Nach ein paar Minuten absoluter Stille kommt Oliv zu mir rüber stolziert als wäre es das Normalste der Welt. Bei mir angelangt, geht’s ab in meinen Jackenärmel zum Nüsse knabbern. Nachdem Oliv sich satt gegessen hat, will sie meistens auf mir rumkrabbeln, oder das Zimmer unsicher machen, während ich mich wieder meinen Bildern widme. Zwischendurch spielen wir noch ab und zu das lustige Handlifterspiel, bis Oliv ihr Nachtquartier aufsucht und mich alleine weitermalen lässt. Alles umgibt eine große Selbstverständlichkeit zwischen uns, fast schon eine Art sicheren Alltagslebens. So wie es jetzt ist, sollte es einfach immer sein.
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Meine Gedanken spielen seit einigen Tagen verrückt, genauso wie das Wetter. Regen, Sonnenschein und Hagel im stetigen Wechsel. Vor ein paar Tagen war ich in Berlin und dabei bin ich auf einen Künstler gestoßen, der mir seither den Kopf verdreht. Mittlerweile ist mein Kopf so verdreht, dass ich drauf und dran bin, mein Studium zu schmeißen. Es kommt nicht mehr oft vor, dass mich Künstler überhaupt noch beeindrucken können. Klar finde ich verschiedene Sachen gut, aber nicht so, dass mir schwindelig dabei wird. Wie auch immer, in Berlin sind mir zwei Sachen bewusst geworden: Die Erste ist, als ich im T-Shirt durch den Sonnenschein spaziert bin, dass ich mal wieder etwas Abnehmen sollte und die Zweite, dass meine Einstellung zu meinem Zeichenkram nicht mehr der gleiche ist. Oliv hält von dem Ganzen nicht besonders viel. Sie versteht eh nicht, wie man so eine Aufregung um ein bisschen bezeichnetes Papier machen kann. Für Oliv sind meine Zeichnungen nicht viel mehr als prima Material, um daraus ein neues Nest zu bauen und vielleicht hat sie damit ja auch recht.

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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

„Aber von jemandem, der sich Ungeziefer in der Wohnung hält, kann man eigentlich hhhhhfffffhhh  vv  ffffffhhauch nichts anderes erwarten.“

Ich hätte beinah vergessen, wie Menschen über Oliv denken, wenn „Holger“ mich nicht erneut darauf aufmerksam gemacht hätte. Es ist nicht so, dass ich lange über solche Sachen nachdenke. Ich weiß, dass es zu nichts führt und doch erschüttert es mich jedes Mal wieder aufs Neue, weil ich mir dabei meiner Naivität bewusst werde. Klar habe ich Internet und lese Zeitung und weiß, dass Menschen anscheinend nur darin wirklich gut sind, anderen einen überzubraten. Wenn aber eine längere Zeit nichts Schreckliches oder Böses um mich herum passiert, vergesse ich schnell, dass Menschen so sein können. Und es ist im ersten Augenblick jedes Mal so als würde ich diese Eigenschaft das allererste Mal bei den Leuten neu entdecken. Wie auch immer, vielleicht sollte ich Holger einfach danken, dass er mich aus meinen Dornrösschenschlaf geweckt hat. Aber vielleicht sollte ich auch Oliv danken, da sie mir gezeigt hat, dass Tiere in vielerlei Hinsicht die besseren Menschen sind.

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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Gestern war Olivs großer Tag. Ich habe mich extra schick gemacht und Olivs Zimmer aufgeräumt. Danach musste ich noch die letzten Vorbereitungen für die Geburtstagsparty treffen, wie Olivs Lieblingsessen kochen und eine Packung Cashewkerne aus dem Bioladen als Geschenk verpacken. Und wie der große Augenblick gekommen war, funktionierte plötzlich der Fotoapparat nicht mehr. Toll, das heißt keine Bilder für das Familienalbum. Oliv und ich haben natürlich trotzdem toll gefeiert. Am Anfang wusste Oliv nicht genau was das alles sollte, aber als sie ihre Geschenke sah, hat sie sich wirklich gefreut. Zuerst kostete Oliv von dem Kartoffelbrei, mit Bananenmansche und Mandelsplitt, um im Anschluss mehrere Cashewkerne in ihrem Versteck zu bunkern. Oliv war schon ziemlich aufgedreht und wollte von mir überall hingetragen werden, saß in meiner Jacke, wollte noch mal einen Cashewkern in ihr Versteck bringen und auf einer neuen Ästekonstruktion herumkrabbeln, die ich ihr gebaut hatte. Es war wirklich ein ganz toller Geburtstag und ich dachte mir, warum nur jedes halbe Jahr feiern? Die nächste Geburtstagsfeier kommt bestimmt, und zwar bald.

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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer
Oliv hat bald Geburtstag und das aus dem Grund, weil ich beschlossen habe, ab sofort jedes halbe Jahr zu feiern. Es wäre doch auch sonst wirklich gemein, wenn eine Maus nur zwei bis maximal vier Geburtstage feiern kann. Ich finde, nur weil unser Kalenderjahr so lange dauert, darf Oliv nicht darunter leiden. Deswegen gibt es nächste Woche eine Geburtstagsfeier bei der Oliv zusammen mit mir ganz lange aufbleiben darf und ich Olivs Lieblingsessen, Pellkartoffel mit Bananenmansche und Mandelsplitt, kochen werde. Ich freue mich schon, und obwohl Oliv noch gar nichts davon weiß, scheint auch sie bereits aufgeregt zu sein. Sie saß gestern die ganze Zeit in ihrem Höhleneingang und wusste nicht, ob sie bei mir auf die Hand kommen soll oder nicht. Sie ist immer mit ihren kleinen Beinchen ein paar Schritte auf mich zu getapst, hat angehalten, ihre Nase in die Luft gestreckt, geschnuppert, ist noch ein paar weitere Schrittchen näher gekommen, um kurz vor meiner Hand im Affenzahn wieder in ihre Höhle zu laufen. Das ging bestimmt über 10 Minuten so, dann ist sie doch noch gekommen und war auch wirklich hungrig. Ich finde jeder Mensch sollte einmal in seinem Leben eine Maus großziehen, dann würden wir bestimmt in einer besseren Welt leben, ohne Krieg, Gewalt und bösen Worten.
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer
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So ist das, wenn man zu nachsichtig ist. Vielleicht sollte ich meine Erziehungsmethoden nochmals überdenken. Gestern kam Oliv trotz Rufens und längerem Warten nicht, um mit mir zusammen Abendbrot zu essen. Also beschloss ich bei Olivs Wohnquartier, meiner Badmintontasche, nach dem Rechten zu sehen. Und was ich dort vorfand, zeigt dieses Bild. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll. Da ich aber zu der selbstkritischen Sorte Dads gehöre, habe ich mich entschlossen, so zu tun als hätte ich nichts gesehen und Oliv, als sie dann doch noch Hunger bekommen hatte, keine Standpauke zu halten. Und wenn ich diesen Sommer 1-2 Kg zu viel am Strand mit mir herumtrage, weil ich keinen Sport treiben konnte, kann ich sagen: „So ist das wohl, wenn man Kinder großzieht.“ Und alle Eltern werden daraufhin verständnisvoll nicken.
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Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer