Nebenan in der Wohnung kommt Unruhe auf. Ich höre wie Jemand durch die Zimmer läuft. Dann kippen Möbel, Glas zerbricht und Stimmen rufen sich laut etwas zu. Auch über mir höre ich Bewegung. In den anderen Wohnungen des Hauses scheint ebenfalls etwas zu passieren. Überall herrscht die gleiche Unruhe, die gleichen hektisch, chaotischen Geräusche. Von überall kann ich schnelle Schritte, kippende Möbel und laute Stimmen hören. Ich merke, wie sich die Unruhe auf mich überträgt und sich Anspannung wie eine anwachsende Luftblase in mir ausdehnt. Ich versuche nachzudenken. Kann es denn wirklich sein, dass wir angegriffen werden? Ich ziehe die Vorhänge meines Fensters beiseite. Auf der Straße sehe ich Menschen unkoordiniert durcheinander rennen, wie Ameisen bei Regen. Ganz automatisch laufe auch ich aus meinem Zimmer in den Flur und von dort ins Treppenhaus. Ein Nachbar kommt mir mit Taschen in den Händen entgegen und rennt die Treppen abwärts. Ich rufe ihm zu, doch bleiben meine Worte unbeantwortet. Ich spüre wie meine Beine zu kribbeln anfangen und wie die Luftblase aus Anspannung in mir platzt und sich Angst in meinem Körper ausbreitet. Ich gehe, mich an der Wand des Treppenhauses festhaltend, zurück in meinen Flur. Kalter Schweiß steht auf meiner Stirn. Ich setze mich auf den Stuhl am Schreibtisch und schalte das Radio wieder ein. Im Radio sind die unheimlichen Gurgellaute zu hören, dann spricht die Nachrichtenstimme. „Die meisten Verteidigungsstellungen sind zerstört.“ – Gurgeln – „Über Berlin wurden erste Flugobjekte gesichtet“ – Gurgeln, Rauschen, Gurgeln – „Das Militär bittet die Bevölkerung, die Schutzräume aufzusuchen.“ – Gurgeln, dann nichts mehr. Ich zünde mir eine neue Zigarette an. Meine Finger sind taub, als trüge ich Gummihandschuhe, als wäre plötzlich mein ganzer Körper zu Gummi geworden.
Fortsetzung folgt 3/7
Eine Geschichte von Tobias Hagenbäumer