Dein Freund – Blog
Die erste TierBeschützerorganisation der Welt

1. Eintrag Tagebuch

Heute war ein verrückter Tag. Der Wecker hat nicht geklingelt und als ich aufgewacht bin, war es schon kurz vor acht Uhr. Um acht hatte ich meine erste Vorlesung in der Uni. Also, fertigmachen im Eiltempo. Zähne putzen, Gesicht waschen, Zopf binden, Brot auf der Hand schmieren, Jacke über den Arm und raus zur Bushaltestelle. Draußen war es eisig kalt. Bestimmt 1–2 Grad unter Null. Immerhin waren die Gehsteige einigermaßen vom Schnee freigeräumt. Ich schnell das Brot auf die Mauer am Gehsteig gelegt und in meine Jacke geschlüpft, das Brot wieder in die Hand genommen und los gesputet.

Als ich ein paar Meter zurückgelegt hatte, musste ich plötzlich einen Ausfallschritt machen, weil auf den Boden ein Mini-Schokoriegel lag, der sich zu bewegen schien. Als ich meine Augen wieder auf die Bushaltestelle richtete, konnte ich sehen, wie der Bus gerade um die Straßenecke abbog und Auf Nimmerwiedersehen verschwand. Zu dumm. „Vielleicht ist das heute einfach nicht mein Tag“, dachte ich und überlegte, was mir an Möglichkeiten blieb. Ich beschloss erstmal wieder in die Wohnung zu gehen, damit ich nicht am Boden festfror. Dabei stolperte ich beinahe ein zweites Mal über den Schockriegel, der jetzt auf dem Gehsteig etwas weiter rechts lag. Ich bückte mich runter, um mir den seltsamen Riegel aus der Nähe anzusehen. Jetzt kam die Überraschung: Ich sah in das winzige Gesicht einer verknautschten Babymaus. Ihre Augen waren noch geschlossen und das Fell war noch nicht dicht gewachsen und strubbelig wie eine alte Zahnbürste. Ich überlegte schnell: „Was machen?“ Es war echt kalt und die Babymaus sah nicht so aus, als würde sie bei den Temperaturen lange überleben, ganz davon abgesehen, dass sie noch ein Baby war.

1. Eintrag Fortsetzung

Ich dachte hin und her und her und hin und kam einfach zu keiner Entscheidung. Schließlich hob ich den Schokoriegel vorsichtig auf. Dieser suchte Halt und Wärme bei mir und klammerte sich mit seinen winzigen Fingern an meinen Daumen. Das war der Augenblick, als ich beschloß, Vater zu werden. Von da an war alles ganz einfach. Ich, mit der Babymaus auf meiner Hand, zurück in die Wohnung, die Babymaus in einen Fleecepulli von mir gewickelt und schnell das Internet angemacht; “Babymaus & Aufzucht” in die Suchmaschine eingegeben und abgewartet. Überlebenschance gering, stand da. Aufzucht mit Pipette und Welpenaufzuchtsmilch für Katzen. Paradox. Alternativ zur Aufzuchtsmilch, Katzenmilch mit Fencheltee für die Verdauung. Externe Wärmequelle bis zur Entwöhnung, da Babymäuse ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regulieren können. Damit war Uni für heute gestrichen, es gab Wichtigeres!

Ich, schnell eine Wärmflasche gemacht, diese unter den Fleecpulli gelegt und danach zur Apotheke und zum Tierhandel geflitzt. Als ich wieder zu Hause war und meine Pipette mit leicht erwärmter Aufzuchtsmilch gefüllt hatte, kam der große Augenblick, essen oder sterben. Man war ich aufgeregt. Ich zog die Fleecedecke etwas auseinander und sofort steckte die Babymaus ihren kleinen Kopf heraus. Ich legte sie behutsam auf dem Rücken in meine Hand und hielt ihr die Pipette entgegen. Und siehe da, sie drückte sofort ihren Mund an die Pipettenöffnung und saugte los. Man, war ich erleichtert, sie isst! Am Abend im Bett machte ich mir fast Vorwürfe kurz daran gezweifelt zu haben, die Babymaus überhaupt aufzunehmen. Denn so wie dieses wenige Tage alte Wesen an der Pipette saugend da lag und alles in ihr nach Leben zu rufen schien, wurde mir klar, dass es gar keine andere Entscheidung hätte geben können.

Heute hatte ich eine kurze Nacht. Ich bin um 4 Uhr und um 8 Uhr aufgestanden. Und das, obwohl ich eigentlich frei habe. Aber als stillender Vater einer Babymaus heißt es: alle 4 Stunden raus, zum Füttern. – „Aye, aye Sir!“ – Ich habe mir ausgedacht, dass mein Wecker ein General ist und ich, wenn er klingelt, mit „Aye, aye Sir“ antworten muss. Warum? Zum einen hilft es mir, das Weckerklingeln ernst zu nehmen und zum anderen habe ich festgestellt, dass Aufstehen, wenn man keine Wahl hat, nicht so schwer fällt. Die Babymaus heißt jetzt Oliver Twist, weil sie eine Waise ist, eben genauso wie der Junge im Dickensbuch. Und da es bei der Dickens-Geschichte ein Happy End gab, dachte ich mir, dass sich das Glück auf meinen Oliver überträgt. Ganz schön krumm und schief gedacht, ich weiß, aber ich muss auch zugeben, dass ich ziemlich aufgeregt bin, also, weil ich nicht möchte, dass Oliver etwas passiert. Und was tut man nicht schließlich alles, wenn man aufgeregt ist.

Jedes Mal, wenn es Zeit zum Füttern ist, tagsüber alle 3 Stunden und ich die Wärmeflasche austausche, krabbelt er mit seinen verschlossenen Augen und seiner schrumpeligen Haut aus dem Fleecepulli auf meine Hand und streckt seine Ärmchen nach der Pipette aus. Wow, denke ich dann immer und schäme mich, Klein-Oliver für einen Schokoriegel gehalten zu haben. Seine Bewegungen sind alle noch ganz langsam und erinnern mich an eine Mischung aus einem Faultier und einem Schlafwandler. Sobald er die Pipette mit seinen winzigen Händen umschließt, wird losgenuckelt. Und wieder denke ich, wow. Allein dafür lohnt es sich aufzustehen.

Wenn Klein-Oliver nicht gerade etwas futtert, pennt er, eingerollt wie ein Regenwurm, in der Fleecejacke. Ich bin schon ganz gespannt auf die nächsten Tage und ich hoffe, dass Oliver es schafft und von Klein-Oliver zu Groß-Oliver wird. Und ich hoffe, dass ich heute Nacht schon besser aufstehen kann, als gestern. – „Aye, aye Sir.“ -

Heute Nacht hat das Aufstehen schon viel besser geklappt. „Aye, aye Sir“, Wecker ausgestellt und aufgestanden, in der Küche den Wasserkocher für die Wärmflasche angestellt, Pipette aufgefüllt, zu Oliver gegangen, die Wärmflasche ausgetauscht, gewartet bis Oliver aus dem Fleecepulli gekrabbelt kommt, darüber gefreut, wie süß mein Oliver ist und die Pipette zum Nuckeln freigegeben. Nach dem Essen massierte ich Olivers Bauch mit einem Wattestäbchen zur Verdauungsanregung. Normalerweise lecken die Mausemütter den Bauch ihrer Baybies, aber da ich nur ein Leihvater bin, mit einer Zunge, die so groß ist wie zwei Olivers, lasse ich es besser sein.

Nachdem Oliver gegessen hatte und zurück in seine Fleecejacke gekrabbelt war, trottete ich zurück in mein Bett. Keine fünf Minuten später war ich bereits wieder im Lummerland. Mein „Aye, aye Sir“ hat mir auch heute Nacht gute Dienste geleistet, aber das Aufstehen fiel mir viel leichter als noch die ersten zwei Nächte. Tagsüber bin ich zwar immer etwas müde, aber das aufregende Gefühl für Oliver verantwortlich zu sein, macht mich hellwach. Außerdem ist Oliver erst über den Berg, wenn er seine Augen geöffnet hat und für sich selbst sorgen kann. Es ist schon merkwürdig, wie wenig man sich Gedanken über Andere macht, solange man nicht selbst mit ihnen zu tun hat. Damit meine ich, dass Einen das Leben Anderer, besonders wenn der Andere eine Maus ist, kaum am Herzen liegt, solange es nicht mit dem Eigenen verknüpft ist. Wie auch immer, übermorgen muss ich eine Hausarbeit über “Basquiat” abgeben und das heißt, ich habe heute noch einiges an Arbeit vor mir.

Mit meiner Hausarbeit sieht es ganz gut aus. Ich konnte über drei Ecken eine Arbeit über Basquiat ergattern, aus der ich einiges verwenden kann. Jetzt muss ich noch an meiner Einleitung feilen. Hausarbeiten sind echt anstrengend…

Oliver schaut von Zeit zu Zeit aus der Fleecejacke und wartet darauf, die Pipette zu bekommen. Für mich ist Oliver neben dem Schreiben eine gute Abwechslung. Ich kann kurz abschalten, indem ich mich praktischen Aufgaben widme, bevor ich mich wieder um die theoretischen Gefilde der Wissenschaft kümmern muss. Umgekehrt ist es gut, dass mein Schreiben mich von meinem Aufgeregtsein, Oliver könnte aus irgendeinem Grund etwas zustoßen, ablenkt. Manchmal denke ich darüber nach, was gewesen wäre, hätte ich den Bus gekriegt. Was wäre aus Oliver geworden? Und dann denke ich, wie komisch es ist, wie Zufälle oder Kleinigkeiten das Leben bestimmen können. Aber jetzt muss ich wieder schreiben. Also von der Praxis zurück zur Theorie.

Fertig mit der Hausarbeit! Puh. Ich habe sie heute vorgestellt und alle waren zufrieden mit mir, einschließlich mir selbst. Mein Prof kam nachher noch zu mir und sagte, dass er mich schon lange nicht mehr so aktiv erlebt hat. Vielleicht sollte ich ab jetzt immer in der Nacht aufstehen, dachte ich und merkte wie meine Wangen anfingen zu glühen. Ich würde wirklich zu gerne wissen, wie ich dieses ständige Rotwerden abstellen kann. Aber egal, Hausarbeit gut, alles gut!

Oliver geht’s auch gut. Er frisst brav und pinkelt mir, wenn er fertig ist, liebend gerne auf die Hand. Momentan wohnt Oliver immer noch in der Fleecejacke in einem kleinen Schuhkarton. Aber sobald Oliver die Augen öffnet und beginnt rumzulaufen, wird ihm der Karton nicht mehr reichen und er braucht statt seines Kinderzimmers ein Jugendzimmer. Ich fange also jetzt schon an, ihm aus einem alten Puppenhaus und Pappkartons eine neue Bleibe zu bauen. Eine Parklandschaft habe ich ihm schon um das Puppenhaus herum angelegt, mit Erde und kleinen Pflanzen, Stöcken und Steinen. Demnächst sollen noch Höhlen und Kletterkram dazu kommen und dann, ja dann geht’s los. Ich hoffe, es dauert nicht mehr lange.

Oliver geht es zurzeit nicht so gut und ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass ihm etwas fehlt oder er krank ist. Seit ein, zwei Tagen verkrampft er seltsam beim Trinken, als hätte er Schüttelfrost oder als müsste er zwanghaft Gähnen. Nachdem er etwas getrunken hat, behält er den Mund geöffnet, sein Körper wird ganz steif und manchmal fällt er hinten über. Der Krampf oder was es auch sein mag, geht oft mehrere Sekunden und Oliver sieht ganz hilflos aus. Danach scheint zwar alles wieder gut zu sein und Oliver will mehr trinken, aber diese Krämpfe machen mir wirklich Angst. Am liebsten würde ich ihm überhaupt nichts mehr zu essen geben, damit er nicht von diesen blöden Krämpfen befallen wird. Schöne Scheiße und ich habe schon gehofft, dass das Schlimmste überstanden sei. Im Internet habe ich natürlich auch schon gesucht, ob irgendwo etwas dazu geschrieben steht, aber bisher habe ich nichts Brauchbares gefunden. Hoffentlich wird alles gut und Oliver eine große, starke Maus!!!

Mann, die letzten zwei Tage waren aufregend und ich war voll in Aktion. Gut dass es nette Tierärzte gibt, die mir erklären konnten, was es mit diesem komischen Schüttelfrost bei Oliver auf sich hatte. Ich war wirklich fix und fertig, aber alles der Reihe nach. Diese Art Krämpfe waren echt schlimm und ich wusste einfach nicht mehr, was ich machen sollte. Mit der Angst um Oliver setzten bei mir parallel Bauchschmerzen ein, die so stark wurden, dass ich dachte jemand würde versuchen, mich mit einem Strohhalm auszusaugen. Da half nur eins, Oliver und ich brauchten schnellstmöglich einen Arzt. Also durchstöberte ich das Telefonbuch nach Tierärzten: Bei dem Ersten war nur der Anrufbeantworter dran, der Zweite hatte keine Ahnung von Mäusen, aber die Dritte war total nett und hat mir erklärt, dass es daran liegen könnte, dass Oliver sich beim Trinken verschluckt. Das heißt, dass Oliver beim Schlucken etwas vom Essen in die Luftröhre bekommt. Ihr Tipp war, dass ich Oliver nur sehr langsam und ganz kleine Tröpfchen füttern soll und auf gar keinen Fall weiterfüttern, falls es zu einem Krampf kommt. Gesagt, getan und siehe da, die Krämpfe waren so gut wie weg und damit auch meine Bauchschmerzen. Damit ist bewiesen: Ein guter Arzt kann Mäuse und Menschen heilen.

Gestern hatte meine Mutter Geburtstag und ich machte mich mit dem Zug auf den Weg ins Ruhrgebiet. Da ich über Nacht bleiben wollte, nahm ich Oliver in seiner Fleecejacke mit. Die Fahrt hat fast 2 Stunden zuzüglich 50 minütiger Verspätung gedauert. Oliver schlief während der gesamten Fahrt und ließ sich weder von dem Gemurmel der Fahrgäste, noch von den Fahrgeräuschen dabei stören. Ich nutzte die Zeit im Zug, um mir einen Text über die Ästhetik der Inszenierung von Josef Früchtl & Jörg Zimmermann durchzulesen, da mir die nächsten zwei Tage nicht viel Zeit dafür bleiben würde. Immer dieser Unistress. Als ich endlich bei meinen Eltern angelangt war, krabbelte Oliver zur Begrüßung aus seiner Nestmulde hervor, um nach einer kleinen Stärkung das kurzzeitig unterbrochene Gespräch mit dem Sandmann wieder aufzunehmen. Ich würde gerne wissen, wovon Mäuse eigentlich so träumen. Ob sie auch von Gespenstern träumen oder dass sie fliegen können und so etwas?

Bei der Feier gab es die üblichen Fragen der Nachbarn und Freunde meiner Eltern: ‘Wie läuft das Studium?’ ‘Hast du schon geheiratet?’ …und so weiter. Und da die letzte Familienfeier schon mehrere Jahre her ist, durften die Bemerkungen à la ‘Du bist aber groß geworden’ natürlich auch nicht fehlen. Als mich eine Nachbarin fragte, wie es mit meiner Familienplanung aussehe, antwortete ich, dass ich erst kürzlich Vater geworden wäre. Sofort wendeten sich mehrere Köpfe zu mir um und ich erzählte -nicht ohne Stolz – die Geschichte von Oliver. Daraufhin fühlte sich mein Onkel zu dem blöden Kommentar veranlasst, dass ich seit meiner Vaterschaft mein Studium hingeschmissen hätte, um wieder in den Kindergarten zu gehen. Haha, wie witzig. Die umstehenden Gäste fanden es natürlich sehr lustig, weil es albern ist, Mäuse zu rettet. Ich kann einfach nicht verstehen, wie Leute so sein können. Was machte es für einen Unterschied, wem man das Leben rettet, ob einem Hund, einem Pferd oder einer Maus? Hängt es etwa von der Größe oder dem Aussehen ab oder nicht viel mehr davon, dass jemand Hilfe braucht? Nur weil manche Leute Mäuse nicht mögen, soll ich Oliver erfrieren lassen? Nachdem das Gelächter verklungen war, meinte meine Mutter, dass sie sehr stolz auf mich sei, da sie mir erfolgreich beigebracht habe, dass mein Herz nicht von der Meinung anderer abhängen soll. Damit war das Schlusswort gesprochen. Mütter sind doch einfach die besseren Menschen.

Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, dass ich Oliv auf der Straße gefunden und bei mir großgezogen habe. Genauso ist mir ihr Tod im Alltag noch allgegenwärtig. Sei es, dass ich die Tür von meinem Arbeitzimmer noch immer geschlossen halte oder ich beim Einkaufen überlege, was ich Oliv mitbringen könnte. Und auch wenn sich dies alles wie eine Geschichte anhören mag und mir klar ist, dass es auf der Welt tausende von kleinen Mäusen gibt, kann jede einzelne, wenn man es zulässt, das eigene Leben für immer verändern. Ich werde dich nicht vergessen kleine Oliv. Schlaf gut meine Prinzessin.

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

 

Die zweite Wochen ist vergangen seitdem Oliv gestorben ist und tief in meinem Bauch hat sich eine Blase, mit Traurigkeit gefüllt, eingenistet. Ich besuche Oliv regelmäßig in dem Waldstück, in dem ich sie begraben habe und dort kommt es ab und an vor, dass diese Blase platzt. Nur kurz, für einen kleinen Augenblick. Und während der Alltag immer mehr von Olivs Existenz zudeckt, gehe ich in den Endspurt meines Studiums. Ich versuche meine letzten Scheine zu erledigen und mich mit der Frage, was kommt danach, zu beschäftigen. So richtig weiß ich es noch nicht, aber vielleicht werde ich ein Buch schreiben, von einer Maus, die zu meinem Freund geworden ist.

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Jetzt ist eine Woche vergangen, seitdem Oliv gestorben ist. Es kam alles sehr plötzlich und ich hatte keine Chance, mich auf den Abschied vorzubereiten. Oliv war mit 2 1/2 Jahren schon eine Mäuseomi, aber man merkte ihr im Alltag das Alter nicht an. Sie tollte herum wie eh und je. Es hat mir sehr viel bedeutet, dass Oliv mit ihrem Tod auf mich gewartet hat. Sie lag ruhig und warm in meiner Hand als würde sie schlafen, nur ihr Körper bewegte sich noch leicht. Zurück bleiben die vielen Momente, die wir zusammen erlebt haben. Die ersten Tage als Findelkind, ihre neugierigen Entdeckungsreisen, unsere Spiele und die Zeit, in der wir uns aneinander gewöhnten. Und trotz der zahllosen schönen Momente bleibt auch ein ungewisses Gefühl zurück und die Frage, ob ich Oliv gerecht werden konnte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Oliv mich verändert hat und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Schlaf gut kleine Prinzessin.

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer.

 

Gestern habe ich Oliv an ihrem Grab besucht. Es ist schwer für mich, nicht an sie zu denken. Noch immer habe ich das Bedürfnis sicher gehen zu wollen, dass es ihr gut geht. Als ich von zu Hause losging war ich traurig und ein wenig ängstlich. Doch je näher ich zu Olivs Grab kam, desto ruhiger wurde ich. Später zu Hause war meine Angst und Traurigkeit fast ganz verschwunden, weil mir klar wurde, dass es – auch wenn es jetzt weh tut – für etwas Wunderbares war.

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Ich habe angefangen aufzuräumen. Überall entdecke ich kleine Nester, Vorratslager und versteckte Bauwerke von Oliv. Manchmal unterbreche ich mein Tun, weil ich glaube, etwas gehört zu haben. Es wird einige Zeit dauern, bis ich aufhöre darauf zu warten, dass Oliv irgendwo ihren Kopf rausstreckt oder zu mir gelaufen kommt. Auch wenn ich weiß, dass Oliv nicht mehr in meinem Zimmer wohnt, gibt es etwas in mir, das sich noch dagegen wehrt.

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Ich habe Oliv gegen Abend in dem Waldstück begraben, in dem ich überlegt hatte, sie auzuswildern. Ein Freund hat mich begleitet, wofür ich sehr dankbar bin. Es umgibt mich seit den Morgenstunden eine art Taubheitsgefühl, das mich schützt und durch den Tag steuert. Es fällt mir schwer, nicht zu weinen, wenn ich an all das denken muss, was ich in den letzten 2 1/2 Jahren mit meiner kleinen Tochter erlebt habe. Ich vermisse sie jetzt schon. Schlaf schön kleine Prinzessin.

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer

Oliv ist heute im Alter von 2 1/2 Jahren verstorben. Ich habe sie heute Morgen aus ihrem Nest gehoben und sie hat auf mich gewartet. Ihre Augen waren bereits geschlossen. Sie lag noch ein paar Minuten in meiner Hand bis ihr Herz aufgehört hat zu schlagen. Sie war tapfer und ich werde es auch sein. Du warst wirklich die tollste Tochter, die ich mir vorstellen konnte. Ich danke dir wirklich für alles. Schlaf schön kleine Prinzessin.

***
Für dich Oliv

Verrückt, verrückt. Oliv und ich kennen uns jetzt schon eine ganze Weile und doch passieren zwischen uns immer noch Dinge zum aller ersten Mal. Zum Beispiel gestern hat Oliv mich das allererste Mal geputzt. Ich saß mit ihr im Arbeitszimmer und wir haben Handlift gespielt. Dabei kletterte Oliv auf Regale und Kisten und ich setzte sie bei kniffligen Stellen um oder über. Nach dieser Spieleinheit hat Oliv angefangen, ihr zerzaustes Fell herzurichten, in dem sie ihre kleinen Hände von hinten nach vorn durch ihr Fell gekämmt hat. Als alles wieder stimmte und am richtigen Platz war, ist sie zu mir auf die Hand gekommen und hat dort meine kleinen Häarchen gekämmt und mit ihrem Mund in leichten, kitzligen Nagebewegungen meine Haut gesäubert. Goldig. Und immer wenn Oliv mir gegenüber ein neues Verhalten zeigt, frage ich mich, was es wohl damit auf sich hat?

Lies, was vorher geschah
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer
Von wegen Vatertag – heute war Großreinemachen angesagt. Seitdem mein Arbeitszimmer zu Olivs Wohn-, Schlaf- und Essbereich erweitert wurde, muss ich alle paar Wochen Oliv beim Aufräumen helfen. Oliv ist wirklich ein Schlawiner, was Chaos veranstalten und später nichts wegräumen angeht. Und während ich heute 2 Stunden wild geputzt, geschrubbt und gefegt habe, hat Oliv nur kurz und mit verschlafenen Augen aus ihrem Höhleneingang geschaut. Wahrscheinlich hat sie sich gefragt, warum ich so albern aussehe und auf allen vieren auf dem Boden rumkrieche. Bisher habe ich es noch nicht geschafft, Oliv stubenrein zu bekommen, dafür verrichtet sie ihr Geschäft fast ausschließlich in den 4 Ecken des Zimmers. Warum Oliv das so macht, keine Ahnung, aber es erleichtert den Hausputz und nach getaner Arbeit duftet alles wieder blütenfrisch.
v
***
Mein Tagebuch von Tobias Hagenbäumer